Die Möglichkeiten der Alkoholfreiheit   

In den letzten Jahren ist die Produktion von alkoholfreiem Bier in Deutschland gestiegen. Laut dem Statistische Bundesamt wurden im Jahr 2019 gut 4,2 Millionen Hektoliter alkoholfreies Bier produziert. Damit hat sich die zum Absatz bestimmte Produktionsmenge seit 2009 fast verdoppelt.

 1979 kamen die ersten alkoholfreien Biere auf den Markt. Der Trend ebbte Anfang der 1990er-Jahre wieder ab, aber einige Jahre später gab es bereits einen völlig neuen Ansatz für die Bierspezialitäten ohne Alkohol. Die ernährungsphysiologischen Vorteile des alkoholfreien Bieres rückten in den Mittelpunkt und wandten sich damit direkt an die neue Zielgruppe: die Sporttreibenden. Von da an fand ein beeindruckender Wandel statt, vom alkoholfreien Bier als Notlösung für Autofahrerinnen und Autofahrer hin zum beliebten Durstlöscher – und das alles in der Biernation Deutschland.

 

Zur Herstellung alkoholfreier Bierspezialitäten gibt es mehrere Möglichkeiten:

 Entalkoholisierungsanlage

Der Alkohol wird nach der Gärung mit einer Entalkoholisierungsanlage aus dem Bier entfernt, zum Beispiel mittels Umkehrosmose, bei der Alkohol durch eine feinporige Membran aus dem Bier gezogen wird. Auch eine Destillation im Vakuum ist möglich. Dabei wird vom niedrigeren Siedepunkt des Alkohols im Vergleich zum Wasser profitiert. Der Druck wird abgesenkt, und so verdampft der Alkohol bereits bei 30 °C, während der Hauptbestandteil im Bier, das Wasser, flüssig bleibt. Würde man bei einer höheren Temperatur verdampfen, gingen wertvolle Bestandteile im Bier verloren. Die Druckabsenkung dient also dem Erhalt der Inhaltsstoffe.

 Gestoppte Gärung

Bei diesem Verfahren ist von vornherein bei der Gärung weniger Zucker im Bier, man spricht von weniger Stammwürze. Auch werden teilweise Hefen eingesetzt, die nur bestimmte Zuckerarten verwerten können oder nicht so alkoholtolerant sind. Die Hefe kann dadurch weniger Alkohol bilden. Weil die Hefe nicht so viel Zeit hatte, Zucker in Alkohol umzusetzen und dabei biertypische Aromen zu bilden sowie Würzearomen abzubauen, schmeckt das Bier nach der gestoppten Gärung malzig, den Bieren fehlt das blumige Aroma.

 

Biere aus der Entalkoholisierungsanlage hingegen schmecken allein oft leer und hart. In der Praxis wird aus Bieren beider Verfahren ein Verschnitt hergestellt, die Biere also gemischt. Auch eine Mixtur von Bier aus der Entalkoholisierungsanlage und seinem „Originalbier“ ist möglich. Zusammen mit dem verwendeten Malz, der eingesetzten Hefeart und dem produzierten Bierstil ist eine enorme Fülle an unterschiedlichen Endprodukten denkbar.

 

Aber was passiert eigentlich mit dem Alkohol, der beim Entalkoholisieren anfällt? Aus den Tanks der Brauerei darf kein einziger Liter verschwinden, da in Deutschland eine Steuer von 13 Euro je Liter anfällt und jeder abgängige Liter einen Verlust bedeutet. Aus der Brauerei kommend wird der Alkohol zuerst vergällt, also mit Zusätzen versehen, die ihn für eine Verwendung als Lebensmittel unmöglich machen. Anschließend findet er Verwendung in Kosmetika, in Reinigungsmitteln im Haushalt oder in der Pharmazie.

 

Wirklich 0,0 %? Ist in alkoholfreiem Bier wirklich gar kein Alkohol?

Per Gesetz gilt ein Gehalt von 0,5 Vol.- % als alkoholfrei. Die Brauereien belassen üblicherweise auch noch einen geringen Restanteil an Alkohol im Bier. Alkohol dient beim Bier als Geschmacksträger, wie auch Fett oder Zucker. In der Konzentration, in welcher der Alkohol in entalkoholisiertem Bier vorliegt, und bei normalen Verzehrsmengen macht er aber praktisch nicht betrunken. Man müsste in kurzer Zeit 15 bis 20 Flaschen Alkoholfreies trinken, um dieselbe Alkoholaufnahme zu erreichen wie mit einer einzigen Flasche gewöhnlichem Bier. Selbst Apfelsaft kann durch natürlich vorkommende Gärung mehr Alkohol enthalten. Nur trockenen Alkoholikerinnen und Alkoholikern wird vom Verzehr von alkoholfreiem Bier abgeraten, was aber eher mit dem Geschmack zu tun hat, der einen Rückfall verursachen könnte.

 

Alkoholfreies Bier als Szenegetränk

Bei der Herstellung von alkoholfreiem Bier bleibt viel mehr Restzucker im Bier zurück als bei herkömmlichem Bier. Das Bier schmeckt süßer und spricht damit geschmacklich eine Zielgruppe an, der traditionelle Biere zu herb sind. Angelockt wird die Alkoholfrei-Zielgruppe außerdem mit werbewirksamen Gesundheitsbotschaften wie isotonisch und vitaminhaltig.

Bei einem isotonischen Getränk ist das Verhältnis von Flüssigkeit zu Nährstoffen identisch zu dem im Blut. Flüssigkeit und Nährstoffe, meist Kohlenhydrate und Mineralstoffe, können also besonders schnell vom Körper aufgenommen werden. Bei einem Mineral- und Flüssigkeitsmangel, zum Beispiel nach dem Sport oder an einem heißen Tag, wird das bluteigene Gleichgewicht an Nährstoffen damit schnell wiederhergestellt. Alkoholfries Bier ist somit herber als Limo, aber süßer als Bier und gekühlt das ideale Getränk für heiße Sommertage.